Brandwand vs. Bestandschutz?

Hallo Zusammen,

 

ich habe eine Frage zum Brandschutz bei einem Dachausbau:

 

Das Bestandsgebäude (Baujahr etwa 1920) besteht aus EG, OG und Dachgeschoss (in alten Bauanträgen als Dachspeicher mit 4 Kammern beschrieben).

 

Bisher sind Wohneinheiten im EG und OG genehmigt, das Dachgeschoss wurde zwar im Jahr 2003 als eigene Wohneinheit in einer Teilungserklärung beim LRA beantragt und dieser Teilung wurde auch schriftlich zugestimmt. Nun wollte der Bauherr allerdings zwei Dachgauben einbauen und der Bauantrag wurde vom Landratsamt zurückgeschickt, weil die Wohnungseinheit im DG nicht genehmigt wurde (Das allerdings wurde wohl auch seitens der Behörden bereits bei der Bearbeitung der Teilungserklärung im Jahr 2003 übersehen)

 

Soweit so gut, das LRA fordert nun die nachträgliche Genehmigung der Nutzungsänderung im DG. Das Problem ist allerdings, dass sich seit jeher zwei Fenster in der Giebelwand befinden, die allerdings nach heutigem Baurecht wegen der Forderung einer Brandwand wohl nicht mehr zulässig wären. Grund hierfür ist die Lage des Gebäudes im Dorfkern mit Grenzabständen unter 2,5 m bzw. Abstand unter 5 m zum Nachbargebäude. (die tatsächlichen Abstände sind  ca 2,0 m zur Grenze ca. 4,30 m zum Nachbargebäude)

 

Nach BayBO wäre dann doch eigentlich eine Brandwand erforderlich sprich die Fenster müssten zugemauert werden.

Für die bereits bestehenden Wohnräume im EG und OG wird keine Änderung beantragt aber streng genommen würde das auch hier gelten.

 

Jetzt die Frage:

 

1. Wie wird in diesem Fall der Bestandschutz gewertet? (Meines Wissens nach gilt der bei Brandschutz leider nicht)

2. Gibt es Möglichkeiten die Öffnungen mit F90 Verglasungen o.Ä. zu versehen, falls die Brandwand fom LRA gefordert wird und insofern auch einzuhalten ist?

 

Danke für eure Antworten 

 

Florian

 

Mo., 18.07.2016 - 18:19
Status: Veröffentlicht
Vielen Dank...

... für die fundierte Antwort und die professionelle Einschätzung der Sachlage.

 

Für die Unterschreitung der Abstands zur Grundstücksgrenze ist eine Absprache mit dem techn. Prüfer im Landratsamt sinnvoll, um absehen zu können ob das Landratsamt diesen Weg mitgehen würde.

 

Auch nehme ich an, dass dafür ein vollständiges Brandschutzkonzept für das gesamte Gebäude gefordert wird, da die Behörde wahrscheinlich das gesamte Konstrukt überprüfen möchte.

 

Ich werde das Ergebnis hier vorstellen sobald sich abzeichnet welchen Weg wir gehen werden.

 

Vielen Dank nochmal.

 

Bild des Benutzers Anger Groh Architekten (Architekt/in)
Fr., 15.07.2016 - 17:27
Status: Veröffentlicht
Es ist...

...nicht grundsätzlich so, dass bezüglich des Brandschutzes überhaupt kein Bestandsschutz gelten würde, sofern die Sachverhalte zum Zeitpunkt der Herstellung baurechts- und genehmigungskonform waren. Allerdings fällt der Bestandsschutz in jedem Fall weg, wenn erhebliche Gefahr droht oder, wie in Ihrem Fall, wenn der Brandschutz aufgrund einer Umnutzung neu betrachtet und nachgewiesen werden muss. Bei den vorhandenen Abständen entspricht die Wand aus meiner Sicht aber eher nicht einer Brandwand, sondern einer „normalen“ Außenwand, die die baurechtlich geforderten Mindestabstände zur Grundstücksgrenze (2,0 m statt 2,5 m) und zum Nachbargebäude (4,30 m statt 5,0 m) unterschreitet.

 

Eine Lösung sollte in Abstimmung mit der Bauaufsichtsbehörde erarbeitet werden. Im Zuge des Bauantrages für die Umnutzung wird dabei voraussichtlich die Beantragung und Genehmigung einer oder mehrerer baurechtlicher Abweichungen erforderlich. Dabei gibt es aus meiner Sicht zwei alternative Lösungsansätze:

  1. Einstufung der Giebelwand als Brandwand. Zu beantragende Abweichungen: alle Sachverhalte, in denen die vorhandene Giebelwand von einer baurechtskonformen Brandwand abweicht. Dabei würde aber auch eine F90-Verglasung der Fenster eine Abweichung erforderlich machen, da es sich bei der Einstufung der Giebelwand als Brandwand um eine äußere Brandwand handeln würde, in der grundsätzlich keine Öffnungen zulässig sind. Auch muss untersucht werden, ob es weitere baurechtliche Abweichungen gibt, z.B. brennbare Bauteile, die über die Brandwand hinweggeführt sind, wie ein hölzerner Dachüberstand.
  2. Aus meiner Sicht sinnvoller: keine Einstufung der Giebelwand als Brandwand. Zu beantragende Abweichungen: Unterschreitung der Mindestabstände zur Grundstücksgrenze und zur Nachbarbebauung. Möglicherweise kann dabei auf eine materielle Kompensation ganz verzichtet werden, z.B. wenn bei der Begründung der Abweichung angeführt werden kann, dass die Oberfläche der Außenwand aus nicht brennbaren Bauteilen besteht, obwohl bei der vorliegenden Gebäudeklasse eine Oberfläche aus brennbaren Bauteilen zulässig wäre. Und/ oder dass die Giebelwand als raumabschließendes Bauteil, mit Ausnahme der Fensteröffnungen, feuerbeständig ist und damit die baurechtliche Anforderung an die Außenwand übererfüllt. Falls dies nicht zutrifft/ ausreicht, wäre auch noch eine leichtere Kompensation denkbar als eine F90-Verglasung, die mir im vorliegenden Fall überzogen erscheint: In einem ähnlichen Fall stimmte z.B. ein Landratsamt bei einem Neubau (Abstand zu bestehenden Nachbarfassaden ca. 3,50 m) als Kompensation für die Abstandsunterschreitung dem Einbau von (öffenbaren) Fenstern mit Hartholzrahmen und G30-Verglasung zu - in Verbindung mit einer ansonsten (als raumabschließendes Bauteil) feuerbeständigen Außenwand.

Diese Sachverhalte sind aber schwer so isoliert zu betrachten, ohne Kenntnis der genauen Lage/ Größe/ Bauart etc. des Objektes, und sollten unbedingt im Rahmen eines ganzheitlichen Brandschutzkonzeptes mit untersucht werden.